Noch vor fünf Jahren wäre uns dieser Satz nicht ernsthaft über die Lippen gekommen. Aber in solch einem Fall revidieren wir unsere Meinung nur zu gern. Ja, wir leben in aufregenden Zeiten!
Noch vor fünf Jahren wäre uns dieser Satz nicht ernsthaft über die Lippen gekommen. Aber in solch einem Fall revidieren wir unsere Meinung nur zu gern. Ja, wir leben in aufregenden Zeiten!
Liebe Leserinnen und Leser,
an diesem Samstag, den 15. Oktober, ist es soweit! Sagt eure Kaffee– und Kuchenverabredungen ab, schnappt euch eure Eltern, FreundInnen und Bekannte:
Am Samstag ist Weltrevolution!
Ja. Wer hätte das gedacht?! Ok, zugegeben. Uns passt das gerade auch nicht so optimal in dem Kram, denn wir wollten uns das Supersonderangebot beim Discounter um die Ecke eigentlich um keinen Preis entgehen lassen.
Aber wir wollen das hier auch noch miterleben:
Ein Treffpunkt für ein ganzes Viertel, in dem sich soziale, künstlerische, sportliche Bedürfnisse entfalten können, offen für die bunte Vielfalt von Lebensformen und Interessen, das war das Stadtteilzentrum Kukutza III im spanisch/baskischen Bilbao. Nachfolgendes Video zeigt auf wunderschöne und beeindruckende Weise, welche Bedeutung die ehemalige Fabrik für viele Menschen und vor allem ihr Zusammenleben hatte. Leider wurden die fröhlichen Bilder inzwischen von der Realität überrollt. Die Interessen der Stadtteilbewohner hatten keine Chance gegen den rechtlichen Eigentümer des Hauses, eine Baufirma, die an dieser Stelle Wohnungen bauen will. Gegen großen Protest wurde das Haus von Hunderten Polizisten geräumt, die Menschen des Viertels ihres sozialen Mittelpunktes beraubt. Kukutza ist damit zu einem weiteren, traurigen Symbol geworden, wie sich marktwirtschaftliche Interessen, gedeckt durch formale Legalität, über die Bedürfnisse von Menschen hinwegsetzen. Was bleibt ist die Hoffnung, dass diese Bilder als Ermutigung wirken, sich solche Orte wieder zu schaffen. Kollektiv und überall.
Ein wirklich wunderschönes Video:
Ein bisschen göttlichen Beistand könnte die schwarz-gelbe Regierungskoalition ja allemal gebrauchen, doch ob ihr der rückständig-fundamentalistische Hardliner, der als Staatsoberhaupt des Vatikans am Donnerstag im Bundestag sprechen wird, dabei helfen kann, muss bezweifelt werden. Denn mit besonderen Fähigkeiten ist Papst Ratzinger noch nicht aufgefallen, eher schon mit revisionistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Aussagen. Gegen den Besuch des Papstes, der selbst in Vatikankreisen als ultrakonservativ gilt und dessen herausragende Leistungen im Festhalten am Kondomverbot und der Begnadigung der Holocaust-Leugner der Pius-Bruderschaft bestehen, richten sich mehrere Bündnisse und eine gemeinsame Großdemonstration am Donnerstag, dem 22. September, 16 Uhr am Potsdamer Platz in Berlin. Zu dieser rufen wir hiermit auf. Alle weiteren Infos finden sich auf den Seiten der Bündnisse: Der Papst kommt, Not Welcome und What the Fuck!
Die FDP ist raus — Politik in Berlin können künftig andere machen. Auf der Wahlparty wird dennoch gefeiert. Als kurz nach 18 Uhr der Balken auf phänomenale zwei Prozent schnellt, schallt lauter Jubel durch die Bundesparteizentrale, Konfetti fliegt, Tröten pusten die Begeisterung in den Raum. Ein Dutzend Aktivisten hat der Partei, die arrogant gegenüber jenen auftritt, die am Rand der Gesellschaft stehen, gezeigt, wie sich mangelndes Einfühlungsvermögen anfühlt. Doch der Großteil der liberalen Parteikader reagiert souverän, denn es kann ihnen egal sein: Ohne die lästigen Parlamentsdebatten können sie sich alle wieder ganz auf den persönlichen wirtschaftlichen Erfolg konzentrieren.
Die B.Z. weiß zu berichten: »Die Wahlparty der FDP ist pünktlich zur ersten offiziellen Zwei-Prozent-Hochrechnung gecrasht worden. Mit „Endlich ist es aus!“-Sprechchören, Party-Tröten und lautem Tätärätä bohrte eine kleine Gruppe, die sich mir danach als „Form von Kommunikations-Guerilla“ vorstellte und erklärte, „wir sind gegen den ganzen neoliberalen Scheiß!“, ihren schadenfrohen Mittelfinger in die frische gelb-blaue Wahlwunde.«
Für den Seite 3-Artikel der Berliner Zeitung am Dienstag nach der Wahl ist die Aktion der Aufhänger: »Hunderte bunte Schnipsel bedecken das Parkett des Thomas-Dehler-Hauses. Relikte der kleinen Konfetti-Parade, die Anhänger einer selbst ernannten »Kommunikationsguerilla« in der Parteizentrale der FDP hinterlassen haben. »Endlich raus« hatten sie skandiert und mit Tröten gelärmt, als die Prognosen der Fernsehsender am Sonntagabend das ganze Debakel der FDP offenbarten, die eigentlich jetzt NmzP heißen müsste — Nicht mal zwei Prozent.
Ein Spitzenliberaler scharrt mit dem Fuß über den Boden, als wolle er die Schnipsel wegwischen und damit diese Niederlage vergessen machen, die schmerzt wie kein anderes Ergebnis in diesem Super-Qual-Jahr der FDP: 1,8 Prozent. Auf einer Ebene mit der Tierschutzpartei und anderen Exoten, die in Hochrechnungen unter Sonstige laufen. »Man will uns kaputt machen«, sagt der Freidemokrat. Wer? »Alle. Die Medien, die Kanzlerin und vor allen Dingen Wolfgang Schäuble.« Keinen Erfolg gönne Angela Merkel dem kleineren Koalitionspartner. Und Wolfgang Schäuble sei vom Hass zerfressen, der könne die FDP gar nicht mehr ertragen. Wieder scharrt der Fuß durch das Konfetti. »Es ist die gleiche Denke wie bei den U-Bahn-Schlägern«, entfährt es der liberalen Spitzenkraft. »Weiter treten, selbst wenn man am Boden liegt.«
Auch die taz hat sich der Adbustings im Berliner Wahlkampf angenommen und dafür Aktivisten bei ihrer nächtlichen Aktion begleitet. Den informativen Artikel illustriert die Journalistin Lena Kampf mit einem wirklich gut gemachten Videobeitrag. Wir sagen: Mehr davon!
Nachdem unsere ersten beiden Bilderstrecken (hier rund hier) zur künstlerischen Veränderung bzw. Hinzufügung von Inhalten auf Wahlplakaten geradezu Begeisterungsstürme auslösten, wollen wir diesen müden Berliner Wahlkampf mit den neuesten Adbustings beschließen. Wer bisher das Abarbeiten an den „Inhalten“ von CDU oder der Linken vermisste, wird jetzt fündig. Doch auch die vermutlich nächsten Regierungsparteien SPD und Grüne blieben nicht verschont. Denn klar ist: Es geht bei dieser Aktionsform um eine grundsätzliche Kritik an einer Sprechblasen-produzierenden Stellvertreterpolitik, für die alle etablierten Parteien verantwortlich sind. Keine von ihnen hatte den Mut, einen inhaltlichen Wahlkampf zu führen, der über Personalisierung und Schlagwort-Reduzierung hinausging. Überall nur „Berlin verstehen“, „Berlin gewinnt“, „Ja“ oder „Gerade.Richtig“. Wer seine umworbenen Wählerinnen und Wähler derart zum Narren hält, sollte sich über deren politisch-künstlerische Eingriffe nicht wundern. Weiterlesen
Die Vorratsdatenspeicherung ist tot, es lebe die Vorratsdatenspeicherung. So lautet das Motto von CDU/CSU. Nachdem die bisherige Praxis der Speicherung personengebundener Telekommunikationsdaten vom Verfassungsgericht für nichtig erklärt wurde, arbeiten die Regierungsparteien an einer Neuauflage. Für sechs Monate soll gespeichert werden, wer mit wem per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat sowie die Standorte bei Handy-Telefonaten und SMS. Damit ein Experte vom AK Vorrat im Bundestag persönlich für ein Verbot verdachtsloser Vorratsspeicherung von Verbindungsdaten argumentieren kann, werden bis Mittwoch 50.000 Unterschriften benötigt. Wir zeichnen mit.