Kennst Du ei­gent­lich die Big Four?

Als Big Four werden die 4 größten Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaften der Welt be­zeichnet. Zu ihnen ge­hören Pri­ce­Wa­ter­hou­se­Co­o­pers (PWC); De­loitte Touche Toh­matsu (i.d.R. nur als De­loitte be­zeichnet); Ernst & Young und KPMG. Schon mal ge­hört? Nein? Kein Wunder, denn au­ßer­halb der Chef­etagen großer und mitt­lerer Un­ter­nehmen, des einen oder an­deren Bun­des­mi­nis­te­riums oder der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­täten hört man ihre Namen eher selten – zu­min­dest wenn man es an ihrem ei­gent­li­chen Ein­fluss auf Wirt­schaft und Po­litik be­misst. Doch was ma­chen die eigentlich?

Aus­gangs­punkt Wirt­schafts­prü­fung – Pro­fi­teure auf allen Seiten

Bör­sen­no­tierte Ak­ti­en­ge­sell­schaften müssen ei­gent­lich übe­rall auf der Welt einen Jah­res­ab­schluss vor­legen. Je nach na­tio­nalem Recht müssen dies auch kleine und mitt­lere Un­ter­nehmen mit an­deren Rechts­formen tun – in Deutsch­land sogar Kör­per­schaften des öffent­li­chen Rechts. Dieser Jah­res­ab­schluss muss durch eine ex­terne Prü­fung be­stä­tigt werden.

Der ex­terne Prüfer muss ein un­ab­hän­giges In­stitut sein, staat­liche Prü­fungen sind vom Ge­setz­geber nicht vor­ge­sehen. Schließ­lich könne der Staat ein Un­ter­nehmen nicht ob­jektiv be­werten und ver­füge über un­zu­rei­chende Wirt­schafts­kom­pe­tenz – wir kennen diese Ar­gu­mente. Des­halb be­auf­tragen die Un­ter­nehmen eine pri­vate Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft ihrer Wahl, die dann die Über­prü­fung des Jah­res­ab­schlusses durch­führt. Im Re­gel­fall wird dem Jah­res­ab­schluss ein „Be­stä­ti­gungs­ver­merk“ er­teilt – dafür wird dem Wirt­schafts­prüfer ein ent­spre­chendes (und hohes) Ho­norar ge­zahlt. Ein sehr ein­träg­li­ches Ge­schäft – ge­rade für die Big Four mit ihren hohen Markt­an­teilen bei der Prü­fung bör­sen­no­tierter Unternehmen.

Dieses Auftraggeber-Auftragnehmer-Modell lässt be­zwei­feln, dass eine Be­wer­tung der Jah­res­ab­schlüsse ob­jektiv er­folgen kann. Ers­tens ist der Prüfer frei wählbar: Ist also die Prü­fung un­an­ge­nehm gründ­lich, wird im nächsten Jahr ein an­deres Un­ter­nehmen be­auf­tragt – dessen sind sich beide Seiten be­wusst, na­tür­lich ins­be­son­dere die ren­di­teo­ri­en­tierten Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaften. Zwei­tens be­steht ein Be­stä­ti­gungs­ver­merk daher auch haupt­säch­lich aus vielen, die Haf­tung der Prüfer aus­schlie­ßenden, Floskeln.

Solch eine Kon­stel­la­tion bringt beiden Seiten na­tür­lich nur Vor­teile – es sei denn es geht etwas schief. Wäh­rend des größten Falles von Wirt­schafts­kri­mi­na­lität in Deutsch­land (FlowTex) hätten die Wirt­schafts­prüfer von KPMG wohl fest­stellen müssen, dass der tat­säch­liche Be­stand an Industrie-Bohrern nichts mit den im Jah­res­ab­schluss wie­der­ge­ge­benen Werten zu tun hatte und ein groß an­ge­legter Be­trug im Gange war. KPMG be­streitet dies nach wie vor, zahlte aber hohe Aus­gleich­zah­lungen an ge­schä­digte Un­ter­nehmen (nicht we­nige von ihnen eben­falls Kunden von KPMG). Statt durch diesen und an­dere Skan­dale an Image ein­zu­büßen und viele Kunden zu ver­lieren, werden die „zu­ver­läs­sigen“ Prü­fungs­leis­tungen von KPMG nach wie vor von 17 der 30 im DAX ge­zeich­neten Un­ter­nehmen in An­spruch ge­nommen. Ein of­fen­sicht­li­ches Indiz dafür, dass auch die Auf­trag­geber ho­no­rieren, wenn die Wirt­schafts­prüfer im Zweifel nicht so genau hinsehen.

Der treuen Part­ner­schaft von Un­ter­nehmen und Prü­fern sind na­tür­lich auch Grenzen ge­setzt: Pri­ce­Wa­ter­hou­se­Co­o­pers z.B. war von 1995 bis 2004 Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft des in­zwi­schen zer­schla­genen rus­si­schen Ölkon­zerns Yukos. Die Zer­schla­gung er­folgte of­fi­ziell wegen Be­trugs und Steu­er­hin­ter­zie­hung, sollte aber wahr­schein­lich eher dessen Ex-Chef Mi­chail Cho­dor­kow­skij von allzu viel po­li­ti­schem En­ga­ge­ment ab­halten. Dessen plau­si­belste Ver­tei­di­gung vor Ge­richt waren die Prüf­be­richte von PWC, die dem Kon­zern keine Un­re­gel­mä­ßig­keiten be­schei­nigten. Im Jahr 2007 zog PWC diese Be­richte al­le­samt und mit schwam­miger Be­grün­dung zu­rück, an­schei­nend weil großer Druck durch die rus­si­schen Be­hörden aus­geübt wurde (An­klage wegen Bei­hilfe zur Steu­er­hin­ter­zie­hung).Hierbei siegte wohl das ba­nale be­triebs­wirt­schaft­liche In­ter­esse über die Ver­ant­wor­tung: Statt wei­terer Ver­fahren bekam PWC nun wieder Prüf­auf­träge von Staats­un­ter­nehmen, unter an­deren von Gaz­prom und der Sberbank. Dafür kann man auch schon mal einen ehe­ma­ligen Kunden, dem man über Jahre ein­wand­freie Buch­füh­rung be­stä­tigte (und dafür or­dent­liche Ho­no­rare kas­sierte), die Ver­tei­di­gung nehmen und ihn nach Si­bi­rien schi­cken lassen.

Prüf­ge­sell­schaften als Be­rater – Kron­zeugen für „un­an­ge­nehme Entscheidungen“

Zu­ge­geben: Al­lein durch die Wirt­schafts­prü­fung haben die Prüf­ge­sell­schaften noch keinen großen Ein­fluss auf die Un­ter­nehmen ge­wonnen. Ihre Rolle er­gibt sich viel­mehr durch die Kom­bi­na­tion mit ihren an­deren Ar­beits­schwer­punkten: Durch Steu­er­be­ra­tung er­langen sie einen weitaus tie­feren Ein­blick in die be­trieb­li­chen Ab­läufe und Pro­zesse der Kon­zerne, so­wohl welt­weit agie­render als auch klei­nerer mit­tel­stän­di­scher Be­triebe. Das wie­derum be­fä­higt sie auch im Be­reich Un­ter­neh­mens­be­ra­tung (Con­sul­ting) aktiv zu werden.

Zu den wich­tigsten Be­ra­tungs­dienst­leis­tungen, zu der die Prüf­ge­sell­schaften von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Un­ter­nehmen her­an­ge­zogen werden, ge­hört der Be­reich der „Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rungen“. Kon­kret sieht das so aus: Die Un­ter­neh­mens­lei­tungen en­ga­gieren die Be­rater, um wei­tere Ein­spar­mög­lich­keiten oder „Ent­wick­lungs­po­ten­tiale“ im Un­ter­nehmen auf­zu­zeigen, die von den ei­genen Ma­na­gern nicht mehr wahr­ge­nommen werden oder an deren Um­set­zung sie sich nicht her­an­ge­traut haben. Das be­trifft zum Bei­spiel die Ab­schaf­fung von Ar­beits­plätzen, Aus­bil­dungs­pakten oder Be­triebs­renten. Wie ge­wünscht geben die Prüf­ge­sell­schaften ihre be­auf­tragten Emp­feh­lungen ab, auf die sich die Be­triebs­lei­tungen be­ziehen können. „Un­an­ge­nehme Ent­schei­dungen“ können so ge­troffen werden, ohne dass hierfür je­mand die Ver­ant­wor­tung über­nehmen muss. Die Con­sulter ma­chen ja „nur“ Vor­schläge und das Ma­nage­ment folgt „nur“ den Vor­schlägen der Sach­ver­stän­digen. So können alle ruhig schlafen – bis auf die ent­las­senen Mit­ar­bei­te­rinnen und Mit­ar­beiter und jene, die nun dop­pelt so viel ar­beiten müssen – für noch we­niger Geld.

Es ent­steht eine Logik, nach der die in­ner­be­trieb­liche Ent­schei­dungs­fin­dung von den ei­gent­lich Entscheidungs-Befugten aus­ge­la­gert (Out­sour­cing) und dann als al­ter­na­tivlos über­nommen wird. Dies ist im Falle von Un­ter­nehmen der Pri­vat­wirt­schaft frag­würdig genug. Es ist aber gar nicht mehr zu rech­fer­tigen, wenn auch von staat­li­cher Seite diese Mittel an­ge­wendet werden.

Die Stütze der Po­litik – in Zeiten der Fi­nanz­krise wie eh und je

Auch Be­hörden von Bund und Län­dern nehmen in den letzten Jahren ver­mehrt solche Dienste – ins­be­son­dere die der Big Four – in An­spruch. So wurde bspw. PWC be­auf­tragt den Vor­gang zu un­ter­su­chen, bei dem von der staat­li­chen KfW-Bankengruppe (früher: Kre­dit­an­stalt für Wie­der­aufbau) 300 Mil­lionen Euro an die be­reits in­sol­vente In­vest­ment­bank Lehman Bro­thers über­wiesen wurde. Man er­in­nert sich. Je­doch soll die Po­pu­la­rität dieses Bei­spiels nicht den Ein­druck er­we­cken, die Zu­sam­men­ar­beit finde nur in Aus­nah­me­fällen statt: Wenn z.B. po­li­ti­sche Ent­schei­dungen über öffent­liche Be­sitz­tümer (z.B. Sale and Lease Back von öffent­li­chen Ge­bäuden, ganzen Ver­sor­gungs­netzen oder voll­stän­digen Fuhr­parks von städ­ti­schen Nah­ver­kehrs­un­ter­nehmen) ge­troffen werden, ver­läuft dies so gut wie nie ohne Gut­achten eines Wirt­schafts­prü­fers. Eine Emp­feh­lung zu Gunsten eines Ver­bleibs von öffent­li­chen Be­sitz­tü­mern in öffent­li­chem Ei­gentum ist dabei er­fah­rungs­gemäß selten. Das hat sich auch in Zeiten der Wirt­schafts­krise kaum ge­än­dert. Das Prinzip bleibt gleich: Vor allem in Zeiten „leerer Kassen“ greifen Po­li­tiker auf „Ex­per­ten­wissen“ zu­rück und schließen dabei jede ei­gene Hand­lungs­mög­lich­keit an­nä­hernd aus.

Ein sehr deut­li­cher Fall von Ab­gabe der Ver­ant­wor­tung ist auch die Ver­tei­lung der Mittel aus dem Ban­ken­ret­tungs­fond SoFFin (Son­der­fonds Fi­nanz­markt­sta­bi­li­sie­rung mit einem Vo­lumen von 480 Mil­li­arden Euro). Die letzte Ent­schei­dung oblag zwar einem Trio von Staats­se­kre­tären, doch deren Wahl­mög­lich­keit be­stand höchs­tens noch theo­re­tisch, nach der Vor­lage eines 100-seitigen Gut­ach­tens samt Hand­lungs­emp­feh­lung (Bürg­schaft ja/nein), das sie auch noch selbst in Auf­trag ge­geben haben.

Zu­sätz­lich heikel dabei ist, dass PWC den Al­lein­auf­trag für die SoFFin-Gutachten frei­händig, also ohne öffent­liche Aus­schrei­bung, er­halten hat. Be­gründet wird diese wenig trans­pa­rente Praxis mit dem Fakt, dass PWC seit den 70ern Gut­achten über die Ge­wäh­rung von Staats­mit­teln er­stellt. Zur Ver­kür­zung der Dienst­wege wird zum Teil nicht einmal mehr ein Hehl aus der un­de­mo­kra­ti­schen Praxis ge­macht: In Merk­blät­tern zu den neuen Über­brü­ckungs­kre­diten für Un­ter­nehmen findet sich auch schon mal ein „kann (…) bei PWC Deut­sche Re­vi­sion, New-York-Ring 13, 22297 Ham­burg, (…) be­an­tragt werden“. Bei staat­li­chen Ga­ran­tien für Aus­lands­in­ves­ti­tionen ist es auch ohne Krise gän­gige Praxis, dass di­rekt bei PWC be­an­tragt wird und dort über Ga­ran­tien der öffent­li­chen Hand ent­schieden wird.

Es scheint zy­nisch, wenn Po­li­tiker in Zeiten der Wirt­schafts­krise immer noch jene Wirt­schafts­sub­jekte zu Rate ziehen. Die Big Four saßen an allen ent­schei­denden He­beln, deren fal­sche Jus­tie­rung zur welt­weiten Krise beige­tragen hat; sie haben Kon­zepte ge­pre­digt, die Un­ter­nehmen nicht vor dem Schlit­tern in den Ruin be­wahren konnten und werden nun von staat­li­cher Seite als d i e Ex­perten her­an­ge­zogen. Was für eine Bank­rott­er­klä­rung des Staates ist es, hinter den Ku­lissen ge­rade diesen Un­ter­nehmen bei der Be­kämp­fung der De­pres­sion das Ruder zu über­lassen – und nicht einmal in einer der größten Krisen der Welt­wirt­schaft ernst­hafte Am­bi­tionen zu haben, der Wirt­schaft das Wort zu ent­ziehen und das ei­gene gegen sie zu erheben.

Dieses Her­an­gehen kann ge­trost als Tech­no­kratie für Fort­ge­schrit­tene be­zeichnet werden. Man muss sich schon die Frage stellen, wie es um die heu­tige De­mo­kratie be­stellt ist, wenn die Ent­schei­dungs­fin­dung keine po­li­ti­sche Ab­wä­gung, son­dern eine be­triebs­wirt­schaft­liche Be­trach­tung ge­worden ist. Wenn die Po­li­tiker ex­ternen Kon­zepten blind ver­trauen ohne selbst­stän­dige Ak­zente zu setzen, ist es ir­gend­wann mehr denn je egal, wem der Wähler seine Stimme gibt.

Fazit: Die Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaften han­deln einzig nach dem Prinzip der Ren­di­te­ma­xi­mie­rung und ver­breiten dies als po­li­ti­sches Pro­gramm. Damit ge­winnen sie immer mehr Ein­fluss. Für den Fall, dass sie bald das Land re­gieren, wollten wir sie kurz vor­stellen. Wir hatten die Be­fürch­tung, man kennt sie nicht.

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4 Antworten auf Kennst Du ei­gent­lich die Big Four?

  1. Wolfgang R. sagt:

    Ein wei­terer Stein im BRD-Staatsmosai k aus Filz, Kor­rup­tion, In­trans­pa­renz und Aus­beu­tung der Be­völ­ke­rung. Jeder nor­male Bürger haftet bei Falsch­an­gaben in seiner Steu­er­er­klä­rung, in seinem An­trag auf Hartz IV und so weiter, da steht er schnell mit einem Bein im Gefängnis.

    Auf der hö­heren Ebene von Po­litik, Staat und Wirt­schaft ist das völlig an­ders, da gibt es prak­tisch keine per­sön­liche Ver­ant­wor­tung und keine per­sön­liche Haf­tung und keine Strafverfolgung.

    Vielen Dank für den obigen, er­hel­lenden Beitrag!

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    • Bootnick sagt:

      Zur Haf­tung der Wirt­schafts­prü­fers. § 323 Abs. 1 S. 3 HGB. Der Ab­schluss­prüfer haftet da­nach, wenn er vor­sätz­lich oder fahr­lässig seine Pflichten ver­letzt. Diese Pflichten sind in der WPO und in der Be­rufs­sat­zung für Wirt­schafts­prüfer konkretisiert.

      Ich hoffe das trägt zur Er­hel­lung bei.

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