B wie Bullshit-Bingo

Ver­mut­lich ist jedem das schöne Se­nioren– oder Pauschalurlaub-Animations-Spiel »Bingo« be­kannt. Jeder Teil­nehmer hat einen Zettel, auf dem sich Zahlen in einem Qua­drat be­finden, meist von 1–100, in zu­fäl­liger An­ord­nung, je­weils 4 oder 5 in einer Reihe. Der Spiel­leiter zieht nun nach­ein­ander Zahlen und sagt diese laut an. Die Teil­nehmer kreuzen die Zahlen, die sich auf ihrem Bingo-Schein wie­der­finden, ab. Wer zu­erst eine Reihe voll­ständig an­ge­kreuzt hat, sei es senk­recht, waa­ge­recht oder dia­gonal, ge­winnt das Spiel und ruft, um es den an­deren mit­zu­teilen, laut »BINGO

In dieser klas­si­schen Spiel­va­ri­ante gibt es keine großen Über­ra­schungen. Jeder weiß, dass aus­schließ­lich Zahlen von 1–100 ge­zogen werden und die Span­nung be­steht nur darin, welche zu­erst an die Reihe kommen. Ebenso ver­hält es sich bei den Reden neo­li­be­raler Po­li­tiker. Jeder weiß, dass die im­mer­glei­chen Phrasen von „Ei­gen­ver­ant­wor­tung“ und „för­dern und for­dern“ ir­gend­wann fallen werden – die Frage ist nur wann. Und hier be­ginnt der Spaß.

 

Bullshit-Bingo ist eine wit­zige und harm­lose Ak­ti­ons­form, die die Ab­sur­dität und Phra­seo­logie des Neo­li­be­ra­lismus ent­tarnen soll.

Und so geht’s: Vor Ver­an­stal­tungen der übli­chen „Wachstum schafft Arbeit“-Politiker werden Bingo-Scheine an aus­ge­wählte Per­sonen aus dem Pu­blikum aus­ge­geben, auf denen je­doch keine Zahlen, son­dern die her­kömm­li­chen Politiker-Floskeln zu finden sind. So­fern das Po­lit­ge­schwafel keine un­er­war­tete Wen­dung nimmt, fallen zwangs­läufig ir­gend­wann die Satz­bau­steine (oder in der ein­fa­cheren Va­ri­ante die ein­zelnen Wörter), die dann auf dem ei­genen Schein ab­ge­hakt werden. Auch hier gilt: Wer zu­erst eine voll­stän­dige Reihe hat, meldet dies seinen Mit­spie­lern, aber diesmal nicht mit dem Ausruf »BINGO!«, sondern

 

Lauter Ausruf, Bullshit!

Ser­vier­vor­schlag

Wer dieses Wort übri­gens für un­an­ge­messen hält und der Mei­nung ist, es han­dele sich dabei um eine bloße Be­lei­di­gung, den können wir be­ru­higen. Wir ver­wenden »Bull­shit« selbst­ver­ständ­lich in glei­cher Weise wie der ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Harry G. Frank­furt, der sich mit diesem Be­griff (und der Stra­tegie hinter dem Bullshit-Gerede) be­reits treff­lich aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Dem­nach er­zählt je­mand »Bull­shit« , wenn ihm oder ihr egal ist, ob die Äuße­rung der Wahr­heit ent­spricht bzw. welche Folgen sie hat. Mehr dazu im gleich­na­migen Buch »On Bull­shit«, von Harry G. Frank­furt, Prin­ceton, Prin­ceton Uni­ver­sity Press 2005.

Im Ge­gen­satz zum nor­malen Bingo endet dieses Spiel je­doch nicht beim ersten Bullshit-Ruf – die Po­li­tiker hören ja schließ­lich auch nicht auf, Bull­shit zu reden. Daher muss man sich auch nicht grämen, nicht die oder der Erste ge­wesen zu sein, son­dern kann den Er­folg der Mit­spie­le­rinnen und Mit­spieler laut­stark bejubeln.

Viele der Zu­hörer sowie der Re­fe­rent wissen na­tür­lich nichts von diesem Spiel und werden ver­mut­lich über­rascht rea­gieren. Auf Nach­frage kann man ihnen ge­trost mit­teilen, dass man schon vorher wusste, welch lob­by­dik­tierte und stan­dar­di­sierte Ge­mein­plätze sie ver­wenden würden.

Damit gibt es end­lich einen guten Grund, bei den immer glei­chen Reden nicht weg­zu­ni­cken und dem ab­surden Treiben sogar noch ein wenig Spaß abzugewinnen.

Hier noch ein paar Vor­schläge von uns, was in neo­li­be­ralem Standard-Gewäsch zu hören sein kann:

Wachstum schafft Ar­beit, hohe Leis­tungs­be­reit­schaft, zu­künf­tige Leis­tungs­träger, Ver­ant­wor­tung für unser Land, fit für die Zu­kunft, nicht fi­nan­zierbar, das Not­wen­dige tun, die Lasten gleich­mäßig ver­teilen, man muss nur an sich glauben, Leis­tung muss sich lohnen, fle­xible Ar­beit­nehmer, Sen­kung der Lohnnebenkosten…

Über die Kommentar-Funktion darf gerne er­gänzt werden.

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10 Antworten auf B wie Bullshit-Bingo

  1. eto sagt:

    *tränen aus den Augen wisch* Ohh man ich hab mich weg­ge­hauen :D sehr guter Artikel.

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  2. Tat. sagt:

    Ja, so kann man sich auch mo­ti­vieren, diesen Bull­shit auch mal wirk­lich an­zu­hören ;) Es funk­tio­niert!!! Ich habe es in netter Ge­sell­schaft an einer Vor­le­sung ge­testet!
    Aber wir können es noch mal tun — super An­lass gibt’s in Berlin: SPIEGEL-Gespräch mit Karl-Theodor zu Gut­ten­berg zu „Kar­riere in der Krise“.
    Wie wär’s??
    28. Ok­tober um 14 Uhr, Hör­saal H 104, TU-Hauptgebäude.

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  3. Mat sagt:

    Super Idee. Ich hab noch ein paar Vorschläge:

    - Nicht leicht­fertig Steu­er­geld aufs Spiel setzen
    – Fle­xi­bi­lität
    – Jeder kann es schaffen

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  4. Pazifist sagt:

    Ik bin dabei…verbales schnöselklatschen

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  5. Willy Wigwam sagt:

    hab auch noch ein paar alt­ba­ckene Allgemeinplätzchen:

    - Markt­wirt­schaft ist ein Er­folgs­mo­dell (Gut­ten­berg im BamS-Interview)

    - Markt­wirt­schaft ist ein Weg aus der Krise (BamS-Interview)

    - Bologna-Prozess/Lissabon-Strate gie/EU-Vertrag/Steuermilliarde n für Banken/… ist »völlig alternativlos«

    - Wirt­schaft muss be­reits in der Schule auf die Men­schen »zu­ge­hen« (Dr. Martin Wans­leben bei der Ver­an­stal­tung »Bachelor/Master — Fit für die Un­ter­nehmen?« der DIHK am 5. 11. ’08)

    - »durch Bachelor/Master können junge Men­schen, ihre Ab­schlüsse und das Wissen der jungen Men­schen beser auf die Be­dürf­nisse der Un­ter­nehmer ab­ge­stimmt werden.« (Joa­chim D. Weber, Jus­ti­ziar der Hoch­schul­rektor en­kon­fe­renz bei selber Veranstaltung)

    Das reicht erstmal, finde ich.

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  6. ts ts ts sagt:

    was ist denn mit euch los??

    ihr habt die klas­siker vergessen:

    - Stand­ort­si­cheru ng
    – um in einer glo­ba­li­sierten Welt wett­be­werbs­fähig zu sein bla bla bla
    – »Das ist doch reiner Po­pu­lismus!»
    – Sach­zwänge
    – …

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  7. J. sagt:

    Ef­fi­zienz / schlanker Staat / Bü­ro­kra­tie­abbau / mo­derne Dienst­leis­tunge n / Wer soll das fi­nan­zieren? / Po­pu­lismus! / die Bürger spürbar ent­lasten / Wett­be­werbs­stei ge­rung / An­reize schaffen / Leis­tungs­träger / Las­ten­aus­gleich / Haus­halts­konsol idie­rung / Ent­las­tung des Mit­tel­stands / Zu­kunft si­chern / Ihre Kon­zepte von ges­tern / Der Staat ist kein guter Unternehmer …

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  8. Ich sagt:

    Standort (Deutsch­land) / Stand­ort­si­cheru ng / in­ter­na­tio­nale Kon­kur­renz / Wett­be­werbs­fä­hig­keit / Eliten(förderung)

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  9. eto sagt:

    Hier noch was:

    –Ei­gen­ver­ant­wort ung
    –freie Ent­schei­dung
    –Wettbewerbsförderung

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