Schwarz auf Weiß

Pictogramm

Schwarz-Rot-Urin

Manche werden sich jetzt wun­dern, warum wir den Titel un­serer gleich­na­migen Ru­brik, in der wir Euch le­sens­werte Ar­tikel vor­stellen (siehe Sei­ten­rand rechts) zu einem ei­genen Bei­trag er­heben. Aber es ist nicht so, wie Ihr denkt. Es gibt eine Er­klä­rung dafür – und zwar eine sehr gute.

Morgen, am Don­nerstag, den 22. Ok­tober 2009, kommt ein Film in die deut­schen Kinos, der genau diesen Titel trägt: »Schwarz auf Weiss – eine Reise durch Deutsch­land«. Darin reist ein Schwarzer durch die BRD, was an sich nicht son­der­lich Auf­sehen er­re­gend wäre – han­delte es sich dabei nicht um den fast schon le­gen­dären Ent­hül­lungs­jour­na­listen Günter Wallraff.

Nach un­zäh­ligen ver­deckten Er­mitt­lungen und ent­hül­lenden Re­por­tagen, ver­schaffte sich Wall­raff erst­mals in den 70er Jahren Gehör. Da­mals schlich er sich als Jour­na­list »Hans Esser« in die Re­dak­tion der Bild-»Zeitung« ein und do­ku­men­tierte in sage und schreibe drei Bü­chern seine Er­leb­nisse. Die Ma­chen­schaften des Sprin­ger­kon­zerns, die Wall­raff aus nächster Nähe be­schrieb, waren so nie­der­trächtig, dass Springer sie mit allen Mit­teln zu ver­tu­schen  ver­suchte und schließ­lich vieles per Ge­richt zen­sieren ließ. Da­nach machte sich Wall­raff daran, die deut­schen Ar­beits­ver­hält­nisse und dies­be­züg­liche Mi­gra­ti­ons­po­litik in Er­fah­rung zu bringen. Als Türke »Ali« ar­bei­tete er unter an­derem beim Rüs­tungs­kon­zern Thyssen und bei der Instantfraß-Kette Mc­Do­nalds. Sein Buch mit dem aus­sa­ge­kräf­tigen Titel »Ganz unten«, indem er alle Wi­der­fahr­nisse fest­hielt, machte Schlag­zeilen. Wall­raff wurde zu­neh­mend vor­sich­tiger, nicht zu­letzt, weil er ernst­zu­neh­mende Dro­hungen er­hielt (und die si­cher­lich nicht von seinen zeit­wei­ligen Ar­beits­kol­legen). Sein letzter Coup führte ihn als Agent in ein Call Center oder als Fließ­band­ar­beiter in die Bröt­chen­back­straße eines Zu­lie­fer­be­triebes für einen deut­schen Lebensmittel-Discounter. Stets un­ter­suchte Wall­raff mit der Lupe die Un­tiefen me­dialer Ma­ni­pu­la­tion und Dem­agogie, mo­derner Aus­beu­tung und ent­mensch­lichter Ökonomie.

Nun hat er sich mas­ken­bild­ne­risch wieder einmal ver­wan­deln lassen, um das wahre Ge­sicht der so­zialen Ver­hält­nisse und deut­scher Zu­stände zu ent­tarnen. Wall­raff alias Kwami Ogonno aus So­malia ist mit einer ver­steckten Ka­mera im Knopf­loch un­ter­wegs und do­ku­men­tiert somit hautnah, was ein au­gen­schein­li­cher Mi­grant in Deutsch­land alles er­leben muss, aber nicht müsste. »Es ist kein schöner Hei­mat­film ge­worden«, fasst die Süd­deut­sche Zei­tung zusammen.

Wallraff undercover

Al­lein auf weiter Flur. (Foto: X-Verleih)

(Foto: X-Verleih)

Beim ersten An­blick der Kunst­figur Kwami könnte man meinen, es sei keine in­ves­ti­ga­tive Meis­ter­leis­tung, son­dern die Re­pro­duk­tion von Kli­schees, sich tief­schwarz an­zu­malen und dann die zu er­war­tenden Re­ak­tionen der übli­chen Ver­däch­tigen in den »ein­schlä­gigen« Ge­genden nur noch mit der Ka­mera ein­zu­fangen. Doch dieser Film wird ein sol­ches Vor­ur­teil schmerz­lich Lügen strafen. Szenen, die man in ost­deut­sche Plat­ten­bau­sied­lungen ver­orten würde, ent­puppen sich als dras­ti­sche All­tags­ras­sismen im welt­of­fenen Köln. Kon­tras­tiert werden sie von mu­tigen Men­schen, die Kwami mit Zi­vil­cou­rage zur Seite stehen – mitten im Osten. Und was von Seiten der Deut­schen ge­gen­über dem »Sarotti-Mohr« (Film­zitat) nicht offen aus­ge­spro­chen wird, das gibt man (unter Deut­schen eben!) zum Besten, wenn Kwami die Sze­nerie ver­lassen hat. Doch auch hier gibt es noch eine Kamera…

»Schwarz auf Weiss« sollte Pflicht­pro­gramm sein, und zwar als selbst­re­flek­tie­rende Maß­nahme für eine ge­lin­gende In­te­gra­tion. Prä­dikat: Be­son­ders se­hens­wert. Film ab!

»Schwarz auf Weiß — Eine Reise durch Deutsch­land« (2009), Regie: Pa­gonis Pa­gon­akis und Su­sanne Jäger, 86. Min.

Trailer

Die Maske

In diesem Zu­sam­men­hang sei auch auf Günter Wall­raffs neues Buch hin­ge­wiesen. Es heißt »Aus der schönen neuen Welt. Ex­pe­di­tionen ins Lan­des­in­nere. «, ist im Verlag Kie­pen­heuer & Witsch er­schienen, und die 325 Seiten kosten 13,95 €. Ein In­ter­view dazu gibt es hier in der FAZ.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Beiträge, Kulturelles und verschlagwortet unter , , , , , , , . Link bookmarken.

Eine Antwort auf Schwarz auf Weiß

  1. Grad noch entdeckt:

    Ein Ar­tikel von Wall­raff über seinen neuen Film, die Ein­drücke wäh­rend seiner Zeit als Schwarzer und dar­über, dass seine Tar­nung ei­gent­lich gar nicht gut ist und man ihm ei­gent­lich so­fort an­sehen müsste, dass er kein echter So­ma­lier ist — aber »die meisten schauen ein­fach nicht so genau hin«.

    Of­fenbar ge­nügt vielen im­mer­noch die bloße Farbe der Haut und schon BILDen sie sich ihre Meinung.

    http://www.zeit.de/2009/43/Wallraff-43?page=all

      (Zi­tieren)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Anti-spam image

Seite 1 von 11