Die Personalabteilung der Investmentbank Morgan Stanley gilt als gnadenlos, härter als die Tür des Berghain. Nur durch die exklusive Auslese, die die Besten unter den Besten herausfiltert, ist es möglich die Qualität und den Ruf des Weltunternehmens zu verteidigen. Eine tadellose Vita und ein ausgefeiltes Bewerbungsschreiben sind unverzichtbar, um die Chance auf eine Stelle zu erhalten. Bleib passiv dokumentiert an dieser Stelle eine erfolgreiche Bewerbung.
Bewerbung
Sehr geehrter Herr Morgan, sehr geehrter Herr Stanley,
hiermit bewerbe ich mich bei ihnen um eine Stelle als Senior-Berater.
Mit 67 Jahren befinde ich mich auf dem Höhepunkt meiner Leistungsbereitschaft. Ausgestattet mit reichlich Erfahrung sollte ich den exklusiven Anforderungen ihres elitären Unternehmens gewachsen sein.
Seit Jahren bin ich im Transportwesen tätig. Dabei habe ich mir ausgezeichnete Qualitäten in Fragen der Loslösung von staatlicher Kontrolle und der bedingungslosen Kostenminimierung erworben.
Über 10 Jahre lang leitete ich ein ehemaliges Staatsunternehmen, das ich durch rigide Einsparungen fast auf Börsenkurs gebracht hätte. Zu den herausragenden Erfolgen in diesem Schienenverkehrsunternehmen zählen die Abschaffung der Interregios, die Streichung von ländlichen Regionalbahnen, die umweltbelastende Minimierung des Güterverkehrs, der Abbau von Werkstattkapazitäten und die Verweigerung von Lohnerhöhungen bei gleichzeitiger Fahrpreisexplosion. Durch die enorm gestiegenen Kosten für Benzin haben wir damit noch nicht einmal Kunden verloren und auch bei unserem Tochterunternehmen, der Berliner S-Bahn, die schätzungsweise in 2 Jahren wieder regulär fahren wird, hält sich der Kundenrückgang in engen Grenzen. Alles getreu meinem Motto: „Man kann ein Unternehmen nicht mit Wattebäuschchen an den Händen sanieren.“
Einmal hatte ich die Politik sogar fast so weit, die Hälfte des Unternehmens, das einen Wert von 183 Milliarden Euro aufweist, für 6,5 Milliarden Euro an der Börse zu veräußern. Leider sind mir diese kommunistischen Spießer in die Parade gefahren. Die haben wahrscheinlich Schiss, wegen dem Konkurrenzbetrieb in England und in Neuseeland, die kurz nach der Privatisierung wieder rückverstaatlicht werden mussten.
Nun hoffe ich darauf, bei ihrer Bank an meine bisherigen Erfolge anknüpfen zu können. Ich bin mir sicher, den Unternehmens-Verlust von Morgan Stanley von 1,3 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal 2009 schnellstmöglich reduzieren zu können. Bei einem Blick auf die Bilanzen konnte ich bereits die übertriebenen Ausgaben für Reinigungs– und Sicherheitskräfte sowie die Zinsen für Kleinanleger ausfindig machen. Auch die Forderung auf Rückzahlung der Milliardenhilfen an die US-Regierung sollte ein zu bewältigendes Problem sein. Wie in meinem vorherigen Job habe ich mir Datensätze über unsere Gegner Partner angelegt.
Da ich mich bei ihnen ja nicht mehr persönlich vorstellen muss, nur noch eine kurze Anmerkung: Meine Gehaltsvorstellungen entsprechen in ihrer Höhe natürlich meinen Leistungen, daher wäre ich mit einem unbezahlten Praktikum als Einstiegsphase durchaus einverstanden.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Hartmut Mehdorn
Schluss mit Moor (aus der Sendung »Titel Thesen Temperamente« vom 1. Februar 2009)

