»Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan sind ermutigende Erfolge im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) In weiten Teilen des Landes sind die Menschen aus dem Würgegriff des menschenverachtenden Talibanregimes befreit worden. Die Terroristen des Netzwerkes von Osama Bin Laden sind nun auch in Afghanistan weitgehend isoliert und in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Durch die militärischen Maßnahmen ist der Weg frei geworden für die humanitäre Versorgung der Not leidenden afghanischen Bevölkerung.«
Das waren die Worte von Gerhard Schröder vor dem Deutschen Bundestag am 16.11.2001.
Aller Anfang ist schwehr
Keine 50 Jahre zuvor wurde in Westdeutschland noch auf das Heftigste über eine Wiederbewaffnung Deutschlands heftig debattiert. Seinerzeit wetterte die SPD, etwa in Gestalt ihres damaligen Wehrexperten Ehlers, vehement gegen die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht. Ehlers warnte angesichts der von der CDU/CSU-FDP-Regierung unter Adenauer selbst auferlegten (und mit einer halben Million Mann äußerst umfangreichen) Truppenstärke vor einem »Staat im Staate«.1 Dies war eine bewusste Anspielung auf die entsprechende Bezeichnung der Wehrmacht, deren Rolle im NS-Regime auf selbe Weise charakterisiert wurde. Doch Ehlers hatte einen Grund dafür: Die Gesinnung der Truppe, meinte er, hänge nämlich weniger von der Einstellung der Rekruten als vielmehr von der Gesinnung des inneren Kerns der militärischen Befehlshaber ab.
Für so manches heutige SPD-Mitglied mag dies eine haltlose Übertreibung sein. Doch Ehlers wusste noch wovon er spricht. Denn die Bundeswehr wurde nämlich ebenso wie der deutsche Auslandsgeheimdienst BND (»Bundesnachrichtendienst«) von ranghohen Nazis gegründet. Das scheinheilige Christentum hieß 1950 einige Generäle, Admiräle und andere ehemalige Wehrmachtsangehörige im Eifelkloster Himmerod willkommen, wo diese Herren in Form einer »Denkschrift des Expertenausschusses« den militärischen Grundstein einer umgehenden Wiederbewaffnung Deutschlands legten. Die entsprechende Propaganda übernahm Adenauer höchstselbst, indem er gemeinsam mit US-Präsident Eisenhower eine »Ehrenerklärung für den deutschen Soldaten« abgab, in der die deutschen Soldaten für tapfer und ehrenhaft befunden wurden, weil sie für ihre Heimat kämpften. Er meinte nicht die Bundeswehr.
Mit einiger Zurückhaltung darf also behauptet werden, dass die Bundeswehr von Anbeginn ihres Bestehens in verbrecherischer Tradition steht. Doch nicht nur das. Intransparente Befehlsstrukturen, fehlende parlamentarische Kontrolle oder jegliches Fehlen erforderlicher parlamentarischer Einsatzgenehmigungen, Geheimniskrämerei und gezielte Desinformation bzw. Nichtinformation der Öffentlichkeit sind ebenfalls zentrale Größen beim Rückblick auf die Einsätze der deutschen Bundeswehr.
»Staatsbürger in Uniform« gegen Staatsbürger in zivil
Heute beklatscht sogar die SPD den Afghanistan-Einsatz der deutschen Kriegstauglichen. 69 von 222 SPD-Abgeordneten stimmten gemeinsam mit vielen Bündnisgrünen für den militärischen Einsatz deutscher Tornados in Afghanistan im Jahr 2001. Diese werden angeblich zu Aufklärungszwecken im Kampf gegen den internationalen Terrorismus verwendet. Zuletzt schien dies 2007 in Heiligendamm notwendig gewesen zu sein. Dort überflogen Bundeswehr-Tornados laut Spiegel und anderen Mainstreammedien angeblich nur ein, in Wirklichkeit aber mehrere Protestcamps von Kritikerinnen und Kritikern des G8-Gipfels, um Luftaufklärungsfotos zu schießen (Hierzu und für die nachstehenden Infos dient der ausführliche Bericht über den Militäreinsatz gegen die Bevölkerung vom Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele). Zwei Tornadoflüge seien nach Auskunft der CDU/CSU-SPD-Regierung vom »Verteidigungs«-ministerium genehmigt worden. Aber es sei wohl sehr unbürokratisch zugegangen und so forderte die Polizei direkt beim Tornado-Jagdgeschwader noch 10 weiter Flüge an.
Außerdem gestand die Große Koalition noch, dass zwei Kampfflugzeuge des Typs »Eurofighter« im Einsatz, sowie Bundeswehrhelicopter, 1100 Soldaten zur Amtshilfe für die Polizei und gut 1000 Soldaten zur Durchfürhung »originärer Bundeswehraufgaben« vor Ort waren. Im Krankenhaus von Bad Doberan (!) machten Feldjäger zum Beispiel über 200 »Aufklärungsfotos«, natürlich von einer Menge unbeteiligter Zivilisten und ohne deren Genehmigung einzuholen, was die Bundesregierung im Nachhinein damit deckte, dass sie durchweg von einem Einverständnis der Betroffenen »ausgeht«. Darüber hinaus wurden anreisende Bürgerinnen und Bürger, die an einer Demonstration von Parteien, Gewerkschaften, Nichtregierungs– und Menschenrechtsorganisationen und vielen anderen Verbänden teilnehmen wollten, mit Spähpanzern und anderem Kriegsgerät schon bei der Anreise an den Autobahnen überwacht. (Siehe dazu dieses Video.) Das ist ohne Wenn und Aber ein durch nichts zu rechtfertigender (und übrigens von der Regierung auch bis heute nicht glaubhaft begründeter) Rechts– und Verfassungsbruch des Verteidigungsministeriums sowie der schwarz-roten Bundesregierung selbst. Sollte nach so langer Zeit doch etwas dran sein, am »Staat im Staate«? Ach was!
1 Zum Nachlesen der Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in der BRD stützen wir uns hier insbesondere auf die sehr differenzierte und sachkundige Darstellung des Militärhistorikers und Oberst i. G. Wilhelm Meier-Dörnberg. Siehe hierzu: Wilhelm Meier-Dörnberg, Die Auseinandersetzung um die Einführung der Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland, in: Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 43: Die Wehrpflicht, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, München, R. Oldenbourg 1994, S. 107ff.


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