Mitte 2009 wurde einem Passagier am Münchner Flughafen „Franz-Josef Strauß“ beim Einchecken der Laptop zur angeblichen Routinedurchsuchung abgenommen. Kurze Zeit später erhielt er seinen Computer zwar zurück und konnte seinen Flug antreten, doch die Presse reagierte entsetzt über diesen Eingriff in die Privatsphäre – zumal es seitens der Behörden keinerlei befriedigende Begründungen gab, private Dateien eines Passagiers hinter verschlossenen Türen „routinemäßig“ zu durchstöbern.
Dabei ahnte die empörte Öffentlichkeit zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal, wie sehr sie mit ihrer Kritik recht behalten sollte. Das Ausmaß der Empörung wäre sicher um einiges größer gewesen, wenn damals schon bekannt gewesen wäre, was tatsächlich mit diesem Computer in den Räumen der Überwachungsbehörden geschah.
Moderne Ausgrabungen
Vor rund vier Wochen wurde dem Chaos Computer Club (CCC) eben jene Festplatte zugespielt, damit dieser sie auf eventuelle Manipulationen untersuchen könne. Was die HackerInnen des CCC darauf entdeckten, wird sie vermutlich in ebenso ahnungsvolles Staunen versetzt haben, wie einst Heinrich Schliemann, als er bei Ausgrabungen auf die Ruinen von Troja stieß. Denn sie fanden ein aufgespieltes Programm, das es den Überwachungsbehörden erlaubt, sich unbemerkt in den entsprechenden Computer einzuschleusen, das Surfverhalten zu beobachten, E-Mails mitzulesen, Bildschirmfotos zu machen und vieles mehr. Ein „Trojanisches Pferd“ aus Einsen und Nullen.
Unter den möglichen Steigbügelhaltern befinden sich zudem sehr dubiose Prominente.
Ein spannendes Detail ist im Zusammenhang mit der Diskussion über den „Staatstrojaner“ bislang nicht in den Medien thematisiert worden, obwohl (oder weil?) sich hieran wieder einmal die Alltagserfahrung zeigt, dass Wirtschaft und Politik in der BRD von Korruption, Vetternwirtschaft und Lobbyismus durchsetzt sind.
Auf dem Politikblog von Jacob Jung erschien vor wenigen Tagen ein sehr lesenswerter Beitrag mit dem Titel „Parade der Ahnungslosen“, in dem sich der Autor einer aktuellen Stunde im Bundestag zum Thema Staatstrojaner widmet. Jung verweist darauf, dass das Unternehmen „DigiTask“ eine „hundertprozentige Tochter“ der Wirtschaftsberatungsfirma „Deloitte“ ist.
Diese gründete im Jahr 2009 einen Unternehmensbeirat, der unter dem Vorsitz von Edmund Stoiber tagt und dem unter anderem der frühere Bundesinnenminister Otto Schily, Utz Claassen (ehem. Vorstand von EnBW) sowie Liz Mohn (Bertelsmann) angehören.
„Deloitte“ teilte auf eine Nachfrage des Magazins „Wirtschaftswoche“ mit, dass seit dem 5. Mai 2006 „keinerlei Geschäftsbeziehungen“ mehr mit „DigiTask“ bestünden. Doch ob der Vertrag für die Entwicklung des momentan in der Kritik stehenden Spionageprogramms zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen war, geht aus der Antwort nicht hervor.
Auf der Website von „Deloitte“, einem der vier größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen weltweit, finden sich leider keine Informationen über den Beirat oder die genaueren Entscheidungsverfahren des Unternehmens. Auf Presseportal.de ist aber u.a. folgendes zu lesen:
Vermutlich existierten die Kontakte zu einigen der Beiratsmitglieder aber bereits lange Zeit vor deren offizieller Beiratstätigkeit. Denn viele der illustren Personen, die ihm angehören, haben sich in ihren Karrieren bereits für mehr Überwachung und Manipulation verdient gemacht.
Überwachen und Strafen: Bertelsmann & Co.
Otto Schily (SPD), von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister, machte sich während seiner Amtszeit vehement für den Ausbau staatlicher Überwachungs– und Kontrollmaßnahmen stark, von denen er in seiner späteren Arbeit finanziell zu profitieren schien. Als Innenminister sorgte Schily unter anderem für die Einführung von Reisepässen mit biometrischen Merkmalen […], welche seit Oktober 2005 ausgestellt werden. Seit dem Ende seiner politischen Tätigkeit war er dann Aufsichtsratschef und wirtschaftlicher Anteilseigner der „SAFE ID Solutions AG”, einem Unternehmen zur Entwicklung und Kontrolle von weltweiten digitalen Pass-, Kredit-, Personalausweis– und Grenzkontrollkarten mit dem schönen Firmenslogan »Anbieter vertrauenswürdiger Lösungen für Hochsicherheits-Identitätssysteme«. Die Firma musste jedoch Insolvenz anmelden, weil der irakische Staat, ein Großkunde der Überwachungsfirma, aufgrund des dortigen Krieges seine Rechnungen nicht mehr zahlen konnte.
Des Weiteren war Schily bis 28. März 2007 Aufsichtsratmitglied bei der “byometric systems AG”, die sich auf den Ausbau der Speicherung und Kontrolle biometrischer Menschendaten spezialisiert hat. Eines ihrer Projekte ist die Ermöglichung von Grenzkontrollen per Iris-Scanner.
Liz Mohn ist offiziell die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Doch über eine ausgeklügelte Struktur hat sie de facto die Macht über den weltweiten Bertelsmannkonzern. Wie wir in vergangenen Artikeln bereits berichteten, engagiert sich Bertelsmann – häufig in der Gestalt seiner Tochtergesellschaften wie etwa der „Arvato Services AG“ oder „AZ direct“ – schon seit langem im Bereich der Überwachung, medialen Manipulation und Hetze, der Kommerzialisierung von Kommunikation und Internet, der Bekämpfung der Meinungsfreiheit zugunsten privater Unternehmen, Datensammlung und der Erstellung wirtschaftlich verwertbarer Profile von Menschen sowie der Inkassoverfahren für Paypal bspw., nicht selten auch offenbar durch eine perfide Strategie in Zusammenarbeit mit weiteren hauseigenen Stiftungen und Institutionen.
Für die Zukunft
Es bleibt daher fraglich, welche Rolle der einflussreiche Bertelsmann-Konzern sowie andere Akteure in der Affäre um den Staatstrojaner eventuell gespielt haben – auch vor der offiziellen Einrichtung des Beirates.
Für die Zukunft jedenfalls kann all das nichts Gutes heißen. Wie der CCC am 26. Oktober 2011, erklärte, hat er eine aktuelle Version des Staatstrojaners zugeschickt bekommen und analysiert. Die Auswertung ergab, dass diese neue Version der Schadsoftware nicht älter als ein Jahr ist und nicht weniger illegale Eingriffe des Staates in das Leben der Bürgerinnen und Bürger ermöglicht als das vorherige Spionageprogramm, dessen verfassungswidrige Funktionalität unter anderem auch mit dem Hinweis auf das Jahre zurückliegende Herstellungsdatum verharmlost wurde.
Die Kritik an den „Staatstrojanern“ entzündet sich vor allem daran, dass sie so programmiert sind, dass im Nachhinein noch weitere Spionagesoftware über das Internet nachgeladen werden kann. Laut CCC hat sich der Staat damit nicht nur Zugriff zu dem Computer verschafft, um die dortigen Aktivitäten zu protokollieren, sondern auch um vorhandene Dateien selbst bearbeiten und ganz neue hinzufügen zu können.
Somit geht zum Einen die juristische Beweissicherheit eines Datenträgers verloren, weil sich nun nicht mehr eindeutig feststellen lässt, ob belastendes Material von außen installiert wurde oder von dem/der Beschuldigten selbst stammt. Zum Anderen aber überschreitet diese staatliche Überwachungsmethode vor allem die Grenze der verfassungsgemäßen Legalität. Hieraus erklärt sich der momentane Druck auf die Regierung und die Überwachungsbehörden.
Eine Handvoll Wanzen
Welch verharmlosende Stellungnahmen und verlogene Debatten zu diesem Thema momentan kursieren, lässt sich täglich in den Zeitungen nachlesen. Der Chaos Computer Club kommentierte diese bereits süffisant auf seiner Homepage:
Der CCC erhebt indes aber auch schwere Vorwürfe gegen „DigiTask“, die Herstellerfirma der entsprechenden Spionagesoftware, die bereits mehrere Aufträge für die Bundesregierung erledigte. Der Firmenchef von „DigiTask“ ist im Jahre 2002 von einem Kölner Gericht wegen Bestechung und Vorteilsnahme zu 21 Monaten Haft und 1,5 Mio. Euro Strafe verurteilt worden.
Auf Bleib-passiv.de wird es aus gegebenem Anlass demnächst einige Hinweise zum sicheren Surfen im Netz und zur geschützten Kommunikation via E-Mail geben.



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LisaMORAN34(Zitieren)