Es geht weiter! Am Sa. 22. Oktober 2011 finden wieder überall Demos statt! Von Kiel bis München, von Bonn bis Berlin! Infos zu Zeiten & Treffpunkten gibt’s hier.
Im Rahmen der #Occupy-Bewegung haben wir PassivistInnen ein Manifest geschrieben. Es repräsentiert jedoch nicht die gesamte Bewegung, sondern lediglich unsere Perspektive als einen Teil von ihr.
Liebe Mitmenschen, hier und überall auf der Welt,
wir kennen uns nicht! Und könnten uns doch kaum näher sein. Noch vor wenigen Tagen waren wir einander völlig fremd. Und nun kämpfen wir zusammen für eine gemeinsame, eine bessere Zukunft. Der erste revolutionäre Schritt ist gemacht!
Noch sind wir wacklig auf den Beinen, denn wir wissen nicht genau, wohin der Weg führen wird. Oder ob diese Bewegung nur ein schwungvoller Tanz ist, der an Rhythmus verliert, sobald die Musik verstummt. Aber den aufrechten Gang muss man zweimal lernen. Einmal als Mensch. Und einmal als Menschheit.
Wir sind in der Geschichte nicht die Ersten, die das versuchen. Und wir werden auch gewiss nicht die Letzten sein.Aber jeder Versuch war ein historisches, ein bedeutsames Ereignis. Ein Einschnitt. Der Beginn von etwas Neuem. In diesem Augenblick und fast überall auf der Welt sind wir dieser Neuanfang. Insofern steht unsere Bewegung jetzt schon in einer revolutionären Tradition. Doch Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!
Die gegenwärtige globale Bewegung ist der olympische Fackellauf einer neuen politischen Aufklärung. Von Tunesien, Ägypten, Syrien, Libyen, Bahrain über Spanien, Chile, Griechenland, Israel, Großbritannien und die USA breitet sich nicht nur die Empörung und der Widerstand, sondern auch das Selbstbewusstsein und das Engagement der Bevölkerungen aus.
Das System aus Unterdrückung und Ausbeutung, aus Korruption und Manipulation wird uns so schnell nicht mehr los. Eher umgekehrt. Und wir sind bereits genug!
Wir sind die 99 Prozent, um die es eigentlich geht. Es fehlt nur Vielen die Zeit, die Freiheit, die Möglichkeit oder das Selbstbewusstsein, um sich der weltweiten Bewegung bei sich vor Ort anzuschließen und einzubringen.
Die Zahl derer, die mit hoffnungsvollen Augen auf uns schauen, ist unvorstellbar groß. Ganz gleich, mit wie vielen Nullen die TeilnehmerInnenzahlen unserer Demonstrationen, Kundgebungen und Besetzungen beziffert werden: Wir sind nur die sichtbare Spitze des empörten Eisbergs im Ozean der Dunkelzifferdemonstrantinnen und –demonstranten. Wir sind die 99 Prozent, die den Wohlstand des obersten Prozents erarbeiten und dessen Machtstrukturen am Leben erhalten.
Wir sind nicht gleich! Deshalb brauchen wir Dich!
Das oberste Prozent aus wirtschaftlichen Potentaten und politischen Eliten handelt und spricht schon längst nicht mehr in unserem Namen, weil es nicht in Deinem spricht. Die ökonomischen und politischen Machtstrukturen sind so eng miteinander verfilzt, dass sie zu Parallelgesellschaften jenseits der Lebensrealität von Millionen und Abermillionen von Menschen geworden sind.
Und nun sind Kapital und Politik plötzlich zu staunenden Zaungästen von gesellschaftlichen Entwicklungen geworden, die sich zusehends ihrer Kontrolle entziehen. Ziviler Ungehorsam ist unser Weg ihnen zu zeigen, dass ihre Spielregeln für uns nicht mehr gelten.
Es gibt eine politische Losung, die da lautet: Wir wollen kein Stück vom Kuchen. Wir wollen die ganze Bäckerei! Und wir sollten noch ergänzen: eine Bäckerei, die kollektiv und solidarisch organisiert, dem Gemeinwohl verpflichtet und an den Bedürfnissen aller orientiert ist.
Die einzelnen Besetzungen sind mehr als nur eine weitere politische Kraft in ihren jeweiligen Ländern. Die Praxis der internationalen Occupy-Bewegung ist das Fundament für einen radikalen Wandel der politischen Kultur.
Direkt. Demokratisch. Gewaltfrei. Und Gleichberechtigt.
Für viele von uns ist die Idee der Demokratie in unseren Köpfen sehr eng mit dem Parlamentarismus verbunden. Demnach wären »Stellvertretung« und »Führungseliten« für eine Demokratie notwendig. Doch gerade das Land, das gemeinhin als der Geburtsort dieses Demokratiemodells gilt, nämlich die USA, erlebt seit dem 26. Juli 2011 und der emphatischen Frage der Adbusters Foundation »Is America ripe for a Tahrir Moment?« nach dem Vorbild nordafrikanischer Staaten einen Wandel, einen Aufstand, einen Paradigmenwechsel.
Das Verständnis von Politik entledigt sich seines Untertanengeistes. Die Demokratie erfährt ihr eigenes Update! Die Angst vor Veränderung weicht dem Mut und der Fantasie. Es gibt eine Welt zu gewinnen!
Die Besetzungen allerorten stellen sich mit Kopf, Hand und Herz einer großen Herausforderung: Einigkeit in Vielfalt zu leben. Die gemeinsame Basis bilden die Prinzipien des solidarischen Miteinanders und der Gewaltfreiheit nach außen, der Gleichberechtigung und Hierarchiefreiheit sowie des Konsensprinzips.
In immer mehr Städten auf diesem Planeten beweisen Menschen, dass die permanent propagierte Alternativlosigkeit eine hilflose Lüge ist! Oder um es mit den Worten von Susan George zu »TINA« zu sagen: TATA! (There are thousands of Alternatives!)
Keine Herrschaft, sondern Selbstbestimmung!
Keine Konkurrenz, sondern Kooperation!
Keine Reformen, sondern ein neuer Gesellschaftsvertrag!
Mit Entschlossenheit, Geduld und Durchhaltevermögen können wir Vieles erreichen. Der Impuls ist da. Wir lassen uns nicht spalten! Wir lassen uns nicht verreinnahmen! Wir freuen uns über Solidaritätsbekundungen. Doch wenn es Politikerinnen und Politiker damit wirklich ernst meinen würden, dann müssten sie ihre Pöstchen aufgeben, ihre Parteibücher hinschmeißen und sich — nicht als Prominenz, sondern als eine Einzelperson unter Vielen — gemeinsam mit uns direktdemokratisch engagieren.
Vielleicht wird es in zwei Jahren, wenn wieder Bundestagswahlen sind, eine große, kreative und kraftvolle Bewegung geben. Vielleicht ist einigen bis dahin klar geworden, dass es weitaus wichtiger ist, von seiner Stimme tatsächlich Gebrauch zu machen und gehört zu werden, als sie abzuhaken und in eine Urne zu werfen. Begleitet von einer Kampagne der Bewegung, die zum Wahlboykott aufruft, würde damit ein Druck von der Bevölkerung ausgehen, der ihrem Stellenwert in der Gesellschaft auch entspricht.
Sicherlich stellt sich die Frage nach der Legitimation von Protesten, die im Namen der Mehrheit der Bevölkerung stattfinden, aber von dieser nicht »beauftragt« oder »gewählt« worden sind. Doch wie kann sich ein Souverän selbst legitimieren? Die Antwort kann nur lauten: indem er selbst zum Akteur wird. Indem er handelt. Angesichts des massenhaften Rufs nach echter Demokratie, nach Mit– und Selbstbestimmung, nach gerechter Verteilung und Chancengleichheit, erscheint es geradezu absurd zu meinen, dass dies weniger legitim sein soll, als Parteifunktionäre, deren Vor– und Nachnamen wir alle vier Jahre ankreuzen, ohne auch nur einen einzigen Satz gesagt, eine einzige Maßnahme kritisiert oder für gut befunden zu haben. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, die besonders Korrupten und Verlogenen umgehend loszuwerden, wenn es zu bunt wird.
Hör auf zu schlafen! Fang an zu träumen!
Hör auf zu hoffen! Wir freuen uns auf Dich!
Wild und entschlossen, die Passiven

