Das hatten wir uns schon gedacht! Unser Bericht über künstlerische Eingriffe in die Botschaften politischer Wahlkampfplakate fand große Aufmerksamkeit und so erreichten uns nun neue Fotos, die von weiteren Adbusting–Aktionen im Rahmen der Berliner Abgeordnetenhauswahl zeugen. Einem Zeitungsartikel in der jungen Welt lässt sich zudem entnehmen, dass die Welle von Adbustings in Berlin zur Zeit voll in Fahrt gekommen ist. Es gibt eine Menge interessanter Veränderungen an der Parteienpropaganda zu entdecken. In Anbetracht der sinnfreien, aber gesichtsträchtigen Großplakate (SPD), des großspurigen, aber substanzlosen Aktionismus (Grüne), der ahnungslosen und dummdreisten Rhetorik (CDU), des hilfeschreienden Galgenhumors beim Hinaufschauen zur 5-Prozent-Hürde (FDP) sowie des unschuldsheuchelnden Realitätsverlusts (Die Linke) ist jede dieser Aktionen ein dankbarer Beitrag zur politischen Auseinandersetzung. Seht selbst.
Renate-Granate und Hau-den-Klaus
Gleich zu Anfang unsere beiden Favoriten. Die Aussagen sind wohl deutlich genug, so dass ihnen im Grunde auch nichts hinzuzufügen ist – außer: Tolle Aktion! Vielen Dank an die Macherinnen und Macher!
Renate-Granate: vorher
Nachher

Schreibtisch-Attentäterin. Wer für Kriege stimmt, darf keine Stimmen kriegen. (Großplakat am Treptower Park, Berlin Alt-Treptow)
Hau-den-Klaus: vorher
Nachher
Verdrängung und Verleumdung
Statistisch gesehen sind die Grünen schon seit Jahren eine Partei der Besserverdienenden. Dass sich dies auch in politischen Entscheidungen der Partei niederschlägt, macht diesen Überkleber fast schon zur Selbstverständlichkeit. Unter dem Satz »… im Zweifel für den Besserverdiener« steht (leider hier nicht lesbar) noch »gentrification öko korrekt«. Auf dem Blog des Mietenstopp-Bündnisses, das am Samstag, dem 3. September, um 14 Uhr am Hermannplatz in Berlin zu einer Demonstration aufruft, wird in diesem Zusammenhang noch auf ein anderes schönes Plakat hingewiesen. Gerade in Bezirken und Kiezen mit gut betuchtem Klientel haben sich Die Grünen mit – mehr oder weniger – subtiler Verdrängung finanzschwacher AnwohnerInnen hervorgetan. Das Motto dieses Plakates könnte daher nicht treffender sein:
Passend zum Thema ist auch das folgende Bild. In verschiedenen Ausführungen befinden sich momentan vor allem in Berlin-Neukölln diese sympathischen Poster auf den Plakaten bürgerlicher Parteien. Sie machen auf die Auswirkungen der ständig steigenden Mieten und der Absurditäten des »Wohnungsmarktes« für ärmere Menschen aufmerksam. Klare Latschenklatscha!
Das hier wohl eher zufällig überklebte Plakat der »BIG Partei« ist zudem noch zum Gegenstand einer gezielteren Street-Art-Kritik geworden. Wie das schwul-lesbische Magazin queer.de vor gut zwei Wochen berichtete, verbreitet die islamisch geprägte BIG Partei ein homosexuellenfeindliches Flugblatt, das mit nachweislich falschen Informationen offenbar gezielt Vorurteile, Angst und Abneigung gegenüber Schwulen und Lesben sowie gleichgeschlechtlicher Liebe allgemein schüren sollte und dabei im eklatanten Widerspruch zum eigenen Parteimotto »Mut zur Vielfalt« steht.
Inzwischen hat sich der Parteivorsitzende Haluk Yildiz zwar gegenüber dem Magazin mit ein paar versöhnlichen Worten um Schadensbegrenzung bemüht, doch verteidigt er nach wie vor die haarsträubenden Behauptungen in dem homophoben Hetz-Flugblatt seiner Partei. Dies ist umso bedauerlicher als die ansonsten im Stadtbild zu sehenden Plakatmotive der BIG Partei durchaus zu begrüßen sind. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch diese Aktion zu verstehen, die die BIG Partei zur Korrektur ihrer Sexualmoral und –politik anregt. Neben den zwei kuss-lustigen Männern spielen die Worte »Pro Homo« offenbar auf den gleichnamigen, beliebten Song der Berliner Künstlerin »Sookee« an, in dem es unter anderem heißt: »Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben. Normalität wünscht sich endlich Frieden!«
Wachstum und reGIERung
Ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen sich im aktuellen Wahlkampf die zum Teil in pathologischen Polit-Pragmatismus abdriftenden Verknüpfungen angeblicher Gegensätze durch ein lapidares »und«. So kleistert allen voran die SPD, mit Schafspelz und Kreidestimme ihre eigene Verantwortung verleugnend, verwirrende Scheinwidersprüche wie »Mieter und Schutz« oder »Bildung und gebührenfrei«. Mit diesen Selbstverständlichkeiten, die in Berlin immer wieder gefährdet sind und deren Erhalt bzw. volle Umsetzung vor allem gegen die SPD beinah regelmäßig erkämpft werden müssen, schmücken sich nun die Regierenden. »Berlin verstehen.« sollte um den Nachsatz ergänzt werden: »Das müssten wir mal!« Einer der wenigen wirklich deutlichen Gegensätze, den diese Partei dann doch noch benennt, ist der von »Wachstum und Zusammenhalt«. Doch hier wurde mit einfachen Mitteln eine entlarvende Korrektur vorgenommen.
Am Wismarplatz in Berlin-Friedrichshain befindet sich eines der vielen CDU-Großplakate, das mit zusammenhanglosen Zahlen die Politik des rot-roten Senats attackiert. Dabei fällt besonders die kriminelle Energie ins Auge, mit der die CDU ihre eigene, gemeinschaftsuntaugliche / asoziale / menschenfeindliche Regierungszeit zu vertuschen versucht. Auf einem ihrer Plakate heißt es neben dem infantilen Liebäugeln ihres feisten Spitzenkandidaten nur: »Schulden unter Rot-Rot: +50%«. Ausgerechnet jene Partei, die Berlin unter ihrem damaligen Fraktionsvorsitzenden Klaus-Rüdiger Landowsky in den Ruin getrieben hat, so dass Landowsky wegen dieses »Bankenskandals« zurücktreten musste, wirft die seither stetig anwachsenden Millionenschulden nun dem Nachfolge-Senat vor. Soviel triebhafte Machtgeilheit schreit geradezu danach, entblößt zu werden. So geschehen auf diesem Exemplar (siehe rechts).
Schließlich wollen wir noch auf eine wichtige Initiative aufmerksam machen, die sich dafür einsetzt, dass alle Menschen, die hier leben, auch tatsächlich ihre demokratischen Rechte wahrnehmen und ihre Lebenswirklichkeit auf diese Weise mitbestimmen können. Tausende Berlinerinnen und Berliner werden aufgrund ihrer Herkunft oder aus bürokratischen bzw. formaljuristischen Gründen von der Inanspruchnahme elementarer Grundrechte ferngehalten. Die Kampagne »Jede Stimme 2011″ will sich daher unter dem Motto »Wahlrecht für alle!« für diese Menschen und die generelle Gewährleistung dieser Rechte einsetzen. Zu diesem Zweck wird auch eine symbolische Abstimmung bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus durchgeführt. Auf der Website heißt es dazu:
Bleib-passiv hofft auf eine erfolgreiche Kampagne und wirbt hiermit bei allen Berlinerinnen und Berlinern um Unterstützung!












Nonsens. Die linksgefärbte Regierung hat für Milliarden Euro Wohnungen in Landeseigentum an private Heuschrecken verhökert. Und jetzt steigen die Mieten auch bei den verbleibenden Häusern in Landeshand: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/357131/357132.php
Grüne sind entschieden gegen Verdrängung von MieterInnen und wo bitte ist der direkte Zusammenhang zur teils vermögenden Wählerklientel?! Adbusting is was Feines, aber etwas Substanz schadet nicht. S.a. http://youtu.be/O2rvJjOJy6Q
Daniel Kruse(Zitieren)
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