Offener Brief und Leserbrief
Offener Brief
Adressat:
Eine eher einfache Art, nicht passiv zu bleiben, ist das Verschicken eines offenen Briefes. Dieser richtet sich meist an Personen, die in der Öffentlichkeit bekannt sind, an Organisationen oder an Unternehmen. Der offene Brief wird verfasst wie ein normaler Brief – mit dem Unterschied, dass er nicht nur direkt an den Adressaten geschickt wird, sondern auch an die Presse; meist wird so ein Brief zusätzlich online veröffentlicht.
Inhalt:
In einem solchen Schreiben kann man seine Meinung bzw. oft auch seine Forderungen formulieren und viele Personen daran teil haben lassen. Dadurch werden mehr Menschen auf das Problem bzw. die Forderungen aufmerksam, sie gelangen zu einer gewissen Öffentlichkeit. Diese setzt den Adressaten mehr als ein nicht-offener Brief unter Druck zu reagieren.
Absender:
Einzelne Privatpersonen, öffentlich bekannte Personen oder Organisationen nutzen diese Form, sich einzumischen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Oft werden diese Offenen Briefe auch von thematisch relevanten (bekannten) Personen mitunterzeichnet.
Entstehung und Geschichte:
Der offene Brief hat eine lange Tradition und geht schon auf den griechischen Rhetoriker Isokrates (* 436 v. Chr., †338 v. Chr.) zurück. Es gibt sogar eine Ausstellung dazu: www.museumsstiftung.de
Beispiele:
Ein sehr detailliert argumentierter Brief eines Lokführers an den ehemaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn:
http://www.gdl.de/redaktionssystem/downloads/offener-brief-an-mehdorn.pdf
Ein Forderungsschreiben zur aktuellen Situation von Kunst und Kultur im Berliner Stadtbezirk Pankow an den zuständigen Bezirksstadtrat:
http://www.foerderband.org/_data/SOS_Kultur_in_Pankow-1_.pdf
Ein Forderungsschreiben mehrerer Klima– und Umweltschutz-Organisationen an die SPD-Bundestagsfraktion:
http://www.duh.de/uploads/media/brief_spd_web.pdf
Leserbrief
Zeitungen haben gern den Anspruch, neutral, unparteiisch oder gar objektiv zu sein. Da so ein Blatt aber immer jemandem gehört – ob Einzelperson oder einem Unternehmen bzw. einer Organisation, der über kurze oder lange Hebel bestimmt, aus welchem Blickwinkel die Zeitung in etwa berichtet, argumentiert oder kommentiert, ist der Objektivitätsanspruch nicht haltbar.
Aktionsform:
Daher ist die oder der geneigte Lesende angehalten zu widersprechen, schreibt die Zeitung in ihren oder seinen Augen Falsches, Vorurteilsbehaftetes oder einfach Unsinn (denn auch ein Redakteur ist nur ein Mensch und kann irren). Zeitungen bieten meist die Möglichkeit, einen Leserbrief zu schreiben, der dann auch publiziert wird. Natürlich wird nicht jeder Leserbrief (vollständig) in der Zeitung veröffentlicht – aber einige schon und der Rest online. Kurze prägnante Leserbriefe haben aus praktischen Gründen (Der Redakteur braucht nicht so viel Zeit zur Bearbeitung.) eine höhere Wahrscheinlichkeit, abgedruckt zu werden.
Adressat:
Wohin man seine Leserbriefe schicken kann, steht immer in der Zeitung – wegen des Objektivitätsanspruchs!
Einige Adressen:
leserbriefe [at] berliner-zeitung.de
leserbriefe [at] tagesspiegel.de
leserbriefe [at] sueddeutsche.de
leserbriefe [at] faz.net
leserbriefe [at] freitag.de
leserbrief [at] fr-online.de
redaktion [at] jungewelt.de
https://www.taz.de/6/kontakt/ per Online-Formular
http://www.morgenpost.de/service/article73318/Leserbrief.html per Online-Formular
http://www1.spiegel.de/active/kontakt/fcgi/lesermail.fcgi per Online-Formular
Nicht nur an Zeitungen kann man Leserbriefe schicken. Auch das Radio bekommt Zuhörer– und das Fernsehen Zuschauerbriefe. Die werden nur selten veröffentlicht, sind aber genauso wichtig für Richtigstellungen des Publizierten. Das gilt prinzipiell für alle Medien – egal ob gedruckt, online oder bei Radio und Fernsehen.
Wichtiger Hinweis:
Zur Überprüfung der Authentizität muss man bei Leserbriefen seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer angeben!
Kostenaufwand:
Da man die meisten Leserbriefe digital einsenden kann, benötigt man nur einen Internetzugang – ansonsten eben 55 Cent für die Briefmarke.
Beispiele:
Betr. verschiedene Meldungen in der Berliner Zeitung am 21.02.07
An einem Tag lese ich folgende Meldungen: 1.: In Potsdam wird eine „linksorientierte Gruppe“ angegriffen, ein dunkelhäutiger dabei als „Scheiß Nigger“ bezeichnet und die Polizei geht „nicht von einer gezielt fremdenfeindlichen Attacke aus“: 2.: In Pretzien, dem sachenanhaltinischen Dorf, in dem bei einer Sonnenwendfeier ein Exemplar des Tagebuchs der Anne Frank verbrannt wurde, gründen die Veranstalter eben dieses „Festes“ – eine braune Kameradschaft – einen neuen Verein und der Bürgermeister begrüßt das mit den Worten „ohne sie ist es sehr schwierig, ein kulturelles Leben auf die Beine zu stellen.“ 3.: Der Staat fühlt sich nicht verantwortlich, der als Nebenklägerin auftretenden Mutter, des in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Ouri Jalloh den Flug von Guinea nach Deutschland zu bezahlen.
Drei Beispiele staatlicher Politik: Verschleierung, Verharmlosung, Menschenverachtung. Ein weitere Meldung muss vor diesem Hintergrund dann nicht mehr überraschen: Nach einer Studie bedauern 40 Prozent der Deutschen, dass Schlesien und Ostpreußen nicht mehr zu Deutschland gehören, ein Viertel empfindet diese Regionen weiterhin als deutsches Gebiet.
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Betr. „Unendliche Wehmut und ungeheure Ironie“, Berliner Zeitung, 17.02.07
Wenn sich der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung der Ehrendoktor-Würde an Marcel Reich-Ranicki mal wieder relativierend bezüglich des Nationalsozialismus äußert, so muss dem entschieden widersprochen werden. Markschies‹ Äußerung, dass sich die Universität „so bedenkenlos den beiden Diktaturen ausgeliefert“ habe, ist in vielerlei Hinsicht zweifelhaft. Die erste wäre die der historischen Richtigkeit. Die Universität hat sich 1933 mitnichten „ausgeliefert“, stattdessen war sie als Sammelpunkt des reaktionären Bürgertums und seiner Nachkommen schon lange vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ein Hort des Faschismus. Ein Punkt, dessen Erwähnung noch immer gern als Nestbeschmutzung betrachtet wird. Die zweite ist natürlich die Relativierung der „beiden Diktaturen“. Als 1946 die Berliner Universität wieder– bzw. neu(?)eröffnet wurde, so schwebte ihr nicht der Geist faschistischer Menschenverachtung vor Augen, auch nicht der des stalinschen Terrors, vielmehr tauchten schon früh die Brüder Humboldt auf, die schließlich der größten und bedeutendsten Universität der SBZ bzw. DDR ihren Namen gaben. Natürlich hatte die SED ein großes Interesse daran, die Studierenden nach ihren Vorstellungen auszubilden, trotzdem war die Universität auch zu DDR-Zeiten ein Ort der kritischen Wissenschaften. Wenn Markschies nun „beide Diktaturen“ auf eine Stufe stellt, wie er es schon oft getan hat, so ist das nicht nur eine Verharmlosung der Verbrechen der Nazis, sondern auch ein nochmaliger Schlag ins Gesicht all derer, die seit 1946 mit am Aufbau der Universität – den zerstörten Gebäuden und dem Wissenschaftsbetrieb – beteiligt waren. Dass man sich von Markschies‹ bildungsbürgerlichem Habitus nicht blenden lassen sollte, hat er in letzter Zeit öfter bewiesen, sei es mit autoritären Verboten von Veranstaltungen, die nicht in das politische Weltbild des Präsidenten passten, oder mit Vorschlägen, die denkmalgeschützte Inschrift einer Feuerbachthese Karl Marx‹ im Foyer zu entfernen. Ein Mensch, der sich selbst gern als liberal, allseitig gebildet und offen darstellt, sollte vor einem der größten Philosophen der Geschichte etwas mehr Respekt zeigen.
J. W., Student der Geschichtswissenschaften, E. P., Student der Sozialwissenschaften

